Zufrieden sein

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Warum sind manche Menschen zufrieden, obwohl sie wenig haben, und andere plagt trotz beachtlichem Vermögen ein nagendes Gefühl der Unzufriedenheit? Und wieso fallen Sieger in ein emotionales Loch, nachdem sie einen großen Erfolg verbucht haben?

Plackerei im Hochsommer

Neulich bin ich mit meinem Enkel und Schwiegersohn ein paar Tage entlang der Lahn gefahren. Genauer gesagt, wir sind von der Quelle bis zur Mündung in vier Tagen geradelt. Am Ende eines jeden Tages stand zur Belohnung ein Eis (Wie will man auch sonst einen Neunjährigen mitten im Hochsommer zu irgendetwas anderem als Schwimmbad motivieren?). Als wir unsere beiden großen Ziele, die Mündung bei Lahnstein und das Deutsche Eck in Koblenz, nach vier Tagen erreicht hatten, war mir wenig nach Feiern zu Mute. Es fühlte sich mehr an, als hätte ich einen weiteren Punkt auf meiner ToDo-Liste abgehakt. Sehr zufrieden war ich hingegen unterwegs. Es machte Spaß, mit “meinen Männern” Kilometer für Kilometer auf das große Ziel zuzuarbeiten, dabei unterwegs Dinge zu entdecken und zwischendurch auch mal ein bisschen Männerquatsch (kleine Wettrennen bei 35° Hitze, u.d.g.m.) zu machen.

Bewerten wir falsch?

Kann es sein, dass die größte Zufriedenheit dort entsteht, wo man einträchtig auf ein gemeinsames Ziel zuarbeitet? Kann es sein, dass Ziele völlig überbewertet werden? – Klar, Ziele sind wichtig, weil die Reise schließlich irgendwohin gehen soll, aber mir scheint, als ob sie für unser Befinden längst nicht die Bedeutung haben, die wir ihnen zusprechen.

Ich behaupte, dass Menschen im Berufsleben dann zufrieden sind, wenn einige wenige Faktoren zutreffen: Ich bin zufrieden, wenn ich 1) die Möglichkeit habe, meine Zukunft in gewissen Grenzen selbst zu gestalten. Wenn ich 2) merke, dass ich der gestellten Aufgabe gerecht werde, ja, sogar an ihr wachse und 3) den Eindruck habe, mit meinem Beitrag an einem größeren Ganzen zu arbeiten.

Die Zufriedenheitsmetrik

Der Mathematiker, Unternehmensberater und Scrum-Erfinder Jeff Sutherland bewertet Zufriedenheit in einer Firma so hoch, dass er sie sogar misst. In Sutherlands Zufriedenheitsmetrik wird erhoben, …

  1. …wie Menschen ihre eigene Rolle im Unternehmen auf einer Skala zwischen 1 und 5 bewerten,
  2. …wie dieselben Mitarbeiter das Unternehmen als Ganzes auf der Skala bewerten,
  3. …wie sie ihre Bewertung begründen
  4. …und welche einzelnen Veränderungen das Arbeiten im Team zufriedener machen würden.

Sutherland behauptet, dass die meisten Finanzanalysewerkzeuge nicht wirklich brauchbar sind, weil sie rückwärts gerichtet nur die Vergangenheit bewerten, aber keine belastbaren Aussagen von jetzt aus in die Zukunft gerichtet ermöglichen. – Hier sieht er die große Chance der Zufriedenheitsmetrik, denn sie ermöglicht tatsächlich aussagekräftige Prognosen.

Fazit

Manche sagen, der Weg sei das Ziel. Dem kann ich nicht zustimmen. Das Ziel ist der Sehnsuchtsort, den ich erreichen will und nicht mit dem Weg dorthin zu verwechseln. Aber der Weg ist wichtig. Sogar sehr wichtig. Der Weg zum Ziel ist ein Prozess, der dauerhafte Zufriedenheit beinhalten kann, wenn ich dafür die Voraussetzungen schaffe.

Es ist wie beim Bergsteigen: Der Aufstieg ist anstrengend, aber sehr erfüllend. Er führt mich an meine Leistungsgrenzen und lässt mich zugleich inkrementelle Fortschritte sehen. Der Gipfel, das Ziel, ist dann lediglich der wohltuende Moment der Erfüllung meiner Anstrengungen, der logische Abschluss einer guten Reise.