Was hat Gartenarbeit mit Führen gemeinsam?

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Liebe Freunde aus England erlaubten uns einmal, als Familie in ihrem Landhaus zwei Wochen Urlaub zu machen. Was mich neben der Architektur des Haus begeisterte, war der fabelhafte Garten – oder sollte ich besser Park sagen? – mit dem sprichwörtlichen englischen Rasen. Ich habe wahrlich keinen grünen Daumen, aber was ich dort erlebte, war beeindruckend!

Der Erfinder

An diesen Urlaub musste ich denken, als ich diese Tage mich mit Servant Leadership, dienender Leiterschaft, beschäftigte. Robert Greenleaf, seines Zeichens langjähriger Manager der amerikanischen Telefongesellschaft AT&T gilt als der Gründer dieser Managementschule. Servant Leadership sieht Führung als konsequenten Dienst am Nächsten an und geht damit auf Distanz zum traditionellen Top-Down-Führungsverständnis. Nach seiner Vorstellung  hat Leiterschaft weniger mit Befehl und Gehorsam zu tun, als mit fördern von und Voraussetzungen schaffen für Höchstleistungen.

Worum es eigentlich geht

Das bringt mich zurück zum Garten meiner englischen Freunde: Dem Verständnis von Greenleaf folgend ist Servant Leadership der Tätigkeit eines Gärtners zu vergleichen. Die Zielvorgabe ist ein prächtiger blühender Garten. Um das zu erreichen, muss der Gärtner sich auf einen längeren Prozess und Maßnahmen einlassen, die zu einer Zeit beginnen, in der von Wachstum nichts zu sehen ist, im Winter. Er muss sich mit den einzelnen Pflanzen beschäftigen, ihre Bedürfnisse ebenso verstehen, wie ihr Potenzial. Dann muss der Gärtner die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Pflanzen gedeihen können. Das können beherzte Eingriffe sein. Manches, was wuchert, muss gestutzt oder sogar weggeschnitten, der Boden gelockert und unter Umständen anders als bei der Nachbarpflanze  gedüngt werden. – Es gibt viel zu tun, konzeptionell wie praktisch, soll der Garten später in seiner vollen Pracht blühen.

Bezogen auf das Unternehmen zeigt sich, dass Führungsverantwortung im Sinne von Servant Leadership eine ausgesprochen anspruchsvolle Tätigkeit ist, die gleichermaßen Weitblick und Liebe zum Detail, Begeisterungsfähigkeit und Durchhaltevermögen, Menschenliebe und Sachorientierung fordert. Sie setzt Rollensouveränität voraus und die Bereitschaft, sich wegen der Sache und der Menschen die Hände schmutzig zu machen.

Das bekannteste historische Vorbild

Im Neuen Testament wird von Jesus berichtet, der am Vorabend von Karfreitag seinen Freunden die Füße wäscht und damit ein Vorbild für deren späteren  Umgang miteinander statuiert (nachzulesen in Johannes 13). – Im damaligen Verständnis war es undenkbar, dass sich ein hoch geschätzter Rabbiner dazu herabließ, seinen Schülern die Füße zu waschen.

Der Sevant Leader ist genau dazu in der Lage, sollte das die Situation erfordern. Wohlgemerkt, er wäscht Mitarbeitern die Füße, nicht den Kopf! Und zwar nicht, “weil man das halt so macht”, sondern mit Überzeugung, weil es in diesem Moment die zielführende Handlung ist.

Servant Leadership ist nichts für Softies. Dienendes Leiten fordert menschliche Größe, vor allem aber die Bereitschaft zu einem anderen, innovativen Denken.

Was mich an Servant Leadership besonders interessiert, ist die Zukunftsfähigkeit dieses Managementmodells. Ich sehe gerade in Verbindung mit neuen Denkschulen, wie beispielsweise der interdisziplinäre Ansatz von Design Thinking (Hasso-Plattner-Institut, Uni Potsdam) und  WeQ (Peter Spiegel, Berlin) großes Potenzial, denn Servant Leadership orientiert sich nicht an Strukturen und Hierarchieebenen, sondern rückt den Mitarbeitenden in den Mittelpunkt.