Volles Haus – nicht nur an Weihnachten!

Galyna Andrushko / Shutterstock

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„Ich heiße Frieda“, tönte es von hinten rechts. Der Pfarrer hatte die Kanzel bestiegen und seine Predigt mit den Worten „liebe Gemeinde“ begonnen…

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass auch an diesem Weihnachtsfest Frieda nicht alleine im Gottesdienst sitzen wird. Im Gegenteil, die Kirche wird voll sein, schließlich ist Weihnachten.

Was müsste passieren, damit sonntags immer was los wäre in der Kirche?

Eine ungewöhnliche Forschungsarbeit

Ein Team von Wissenschaftlern um Kara Powell setzte sich zum Ziel, Fragen wie dieser auf den Grund zu gehen. Sie suchten überall in Amerika und wurden reichlich fündig: kleine, große und ganz große Kirchen, in denen es nur so von Menschen wimmelte, vor allem jungen Menschen.

Drei Jahre interviewten 60 Forscher Mitglieder aus Hunderten von Kirchgemeinden quer durch alle Denominationen (Lutheraner, Reformierte, Katholiken, Presbyterianer, Baptisten, etc.). Heraus kam ein spannendes Buch mit dem vielsagenden Titel »Growing Young[1]«, das im September erschienen ist.

Kara Powell beschreibt sechs „Entdeckungen“, die ich hier kurz vorstellen und kommentieren möchte.

Entdeckung 1:  Mit dem Schlüsselbund leiten

Anstelle einer rigiden Autoritätsstruktur empfiehlt Kara Powell das konsequente Einbinden von jungen Menschen. Man soll ihnen etwas zutrauen, sie mit Verantwortung ausstatten, Schlüssel anvertrauen und anschließend begleiten. – Das kennt man doch aus dem richtigen Leben: Nichts drückt Vertrauen mehr aus, als wenn Papa seinem achtzehnjährigen Filius den Autoschlüssel für einen Abend aushändigt!

Merke: Schlüssel sind mächtige Führungsinstrumente.

Entdeckung 2: Versetze dich in junge Menschen

Nicht kritisieren oder verurteilen, sondern sich in die Lage junger Menschen versetzen, quasi ihre Schuhe anziehen und darin das Laufen neu lernen; also einen bewussten Perspektivwechsel vornehmen. Aber Vorsicht: Das hat nichts mit sich anbiedern zu tun.

Hand aufs Herz: Wir waren früher auch nicht anders, oder?!  Auch wir haben uns danach gesehnt, verstanden zu werden.

Entdeckung 3: Die Botschaft Jesu ernst nehmen

Anstatt formelhafter Verkündigung von theologischen Richtigkeiten, einladen zu einer beherzten und lebensnahen Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft.

Junge Menschen ziehen die Person Jesus Christus  unverbindlichem „Kirchensprech“ über Gott jederzeit vor, das weiß ich aus eigener Anschauung.

Entdeckung 4: Gemeinschaft leben

Man könnte auch sagen: „Sei nicht cool. Sei warmherzig!“  Menschen wollen gesehen werden, willkommen sein, dazugehören.

Merke: Liebevoll und herzlich gelebte Gemeinschaft ist hochgradig anziehend für Jung und Alt.

Entdeckung 5: Jungen Menschen Priorität einräumen. Immer.

Ein Negativbeispiel aus der letzten Woche: Die Wetzlarer Domgemeinde veranstaltete einen besonderen Gottesdienst für Kindergartenkinder und deren Eltern. Es wuselte nur so und, zugegeben, der  Geräuschpegel war etwas jenseits der sonst üblichen andächtigen Stille. Leider standen mehrere ältere Herrschaften auf und verließen den Gottesdienst, weil sie das Durcheinander nicht ertragen wollten.

Merke: Man kann sehr effektiv die Zukunft der Kirche verhindern, indem man Kinder und junge Menschen durchs eigene Verhalten auslädt.

Entdeckung 6: Richtig gute Nachbarn sein

Gute Nachbarn sein. Den Glauben auf natürliche Art leben, ohne „gebläsehaftes“ Frommsein. Den Grill anwerfen – das geht auch im Winter – oder bei leckerem Wein und Raclette Gemeinschaft pflegen. Das stößt auf Offenheit.

Merke: Liebe geht durch den Magen, heißt es.

Mein Weihnachtswunsch

„Ja, in Amerika …“, höre ich jemanden einwenden, „da gibt’s das alles. Aber doch nicht bei uns!“  Trotz oder gerade wegen solcher Einwände wünsche ich mir zu Weihnachten, dass viele meiner Leser anders reagieren. Ich finde, Kara Powells „Entdeckungen“ weisen in eine interessante Richtung. Diesen Entdeckungen sollte man in unseren Kirchen nachgehen. Dann wären  Frieda und der Pastor während des Jahres nicht allein im Gottesdienst.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest im Kreise lieber Menschen. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

P.S.:

Seit einiger Zeit begleiten meine Frau und ich eine Gruppe von Christen auf dem Frankfurter Riedberg, die sich vorgenommen haben, Kirche für ihren neuen Stadtteil zu werden. – Was Kara Powell beschrieben hat, wird in Teilen von diesen Leuten zum Teil bereits umgesetzt und das beeindruckt mich. Ich bekomme mit, wie sich Freunde, Bekannte und Nachbarn mit einem Mal für Kirche interessieren.

[1] Kara Powell, Jake Mulder, and Brad Griffin, Growing Young (Grand Rapids: Baker Books, 2016)