Tragen Sie den Maßanzug eines anderen?

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Ein gutgemeintes, aber unpassendes Geschenk

Ich war junger Familienvater mit vier Kindern und einem frisch gebauten Häuschen im Grünen und erinnere ich mich sehr lebhaft an jene Zeiten, in denen es wirtschaftlich sehr eng zuging. Der Regelfall bestand darin, dass am Ende des Geldes noch relativ viel Monat übrig war. Das stresste ungemein.

Zu dieser Zeit hatte ich das Vorrecht, in Wiesbaden Konzertaufnahme fürs Fernsehen zu moderieren. Da ich über keine geeignete Garderobe verfügte, besorgte mir die Ausstattung einen passgenauen Smoking.

Als meine Tante davon Wind bekam, entrüstete sie sich und sorgte kurzerhand dafür, dass ich den Smoking meines Onkels bekam. Fantastisch! Ich war plötzlich Eigentümer eines Smokings.

So weit, so gut – wäre da nicht ein kleines Detail gewesen. Bei der Anprobe stellte sich heraus, dass ich im Verhältnis zu meinem Onkel bestenfalls eine „halbe Portion“ war und das trotz meiner 1,90 Körpergröße. Ich passte nicht in den Smoking. Oder sollte ich besser sagen: Der Smoking passte nicht zu mir. Da mir der Bauch zum „festhalten“ fehlte, fiel das gute Stück einfach so an mir herunter. Peinlich.

Glück ist wie ein Maßanzug

Was der örtliche Änderungsschneider fachmännisch besorgte, nämlich den Smoking auf meine Körpermaße umzuarbeiten, ist mit Blick auf andere Bereiche meines Lebens nicht möglich. Karl Böhm hatte recht, als er anmerkte: „Glück ist wie ein Maßanzug. Unglücklich sind meistens die, die den Maßanzug eines anderen tragen wollen.“

Glück ist eine sehr persönliche Sache. Das Glück meines Nächsten kann niemals der Maßstab für mein eigenes Streben nach Glück sein. Tue ich es trotzdem, ist das Ergebnis nicht selten jämmerlicher Natur. Ich merke das sofort und alle anderen sehen es auch. Der Smoking lässt grüßen.

Ich muss mich der Herausforderung stellen und meine ganz persönliche Antwort auf die Frage nach dem Lebensglück finden. Und das jenseits allgemeiner Statussymbole.

Ein kurzer Erfahrungsbericht: Für mich war das ein gar nicht so einfacher Prozess. Aber er hat sich gelohnt. Ich habe für mich entdeckt, was glücklich macht. Wahrhaft glücklich wird man erst dann, wenn man zwei Dinge lernt: zufrieden sein mit dem, was man hat und bereit sein, anderen zu dienen.

Mit dem Zufriedensein tritt Dankbarkeit ins Leben. Das leuchtete mir schnell ein. Aber wie ist das mit dem Dienen? Ganz einfach: Ich diene anderen beispielsweise, indem ich ihnen eine Freude bereite, ihnen – so sagt man es gelegentlich in Mittelhessen – „das Bein aus der Sonne hebe“ (ich liebe die manchmal etwas robust-anschauliche Ausdrucksweise der Leute am Fuß des Westerwalds!).

Probieren Sie es aus. Wählen Sie sich eine kleine Sache aus, bei der Sie Ihre ersten Versuche mit dem Dienen machen. Bald werden Sie merken, dass es tatsächlich stimmt: Geben ist seliger als nehmen.

Noch etwas habe ich bei der Gelegenheit entdeckt: Mein Leben hat sich entspannt. Ich muss nicht mehr dieses tun oder jenes haben. Das bringt Gelassenheit mit sich. Und die tut mir richtig gut!

Frage: Tragen Sie immer noch den Maßanzug anderer?