Paragraph 1: Der Chef hat immer …

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Seit vielen Jahren kennen wir uns und haben so manche Schlacht gemeinsam geschlagen: Ich schreibe von Kameramann Andreas Lehmann, einem Fachmann, wenn es um Kameras, Optiken, Beleuchtungsmittel und technisches Zubehör geht. Meistens, wenn wir uns begegnen und er nicht gerade am Set arbeitet, drehen sich seine Gespräche um technische oder künstlerische Aspekte der Film- und Fernsehproduktion. Andreas lebt seinen Beruf.  Mich beeindruckt das.   

Nicht objektiv

Er würde sagen: Wir sehen die Welt nicht objektiv. Vielmehr sehen wir sie sehr unterschiedlich: Aus der Perspektive eines kleinen, durchschnittlich gebauten oder großen Menschen, mit den Augen der Erfahrung und der daraus resultierenden Prägung. Und Andreas würde außerdem sagen, dass er ein und dasselbe Objekt unterschiedlich in Szene setzen kann, sodass die Wirkung jeweils eine andere ist.  

Dazu ein paar Beispiele: Positioniert man Kamera und Beleuchtung frontal von leicht unterhalb, wirkt das Gegenüber unsympathisch, vielleicht sogar bedrohlich. Ein Weitwinkelobjektiv kann eine Figur verunstalten, ein Teleobjektiv eben dieser schmeicheln. Unserer Bundeskanzlerin tut das harte Licht der Reportage-Leuchtmittel nicht gut. Die Falten links und rechts um die Mundwinkel werden so betont. Weiches Studiolicht hingegen bügelt diese Falten Null Komma Nix weg.  

Erinnert hat mich das an eine Aussage des mittlerweile verstorbenen Managementgurus Steven R. Covey.  In seinem Buch Seven Habits of Highly Successful People schrieb Steven Covey1 

“We see the world, not as it is, but as we are—or as we’re conditioned to see it.”  Wir sehen die Welt, nicht wie sie ist, sondern wie wir sind, besser gesagt, wir wie gelernt haben, sie zu sehen.   

Mit anderen Worten: Wie wir die Welt sehen, hat weniger mit der Welt und mehr mit uns zu tun.  

Eine Führungskraft hat in der Regel eine ganz besondere Perspektive. Eben diese spezielle Sicht zeichnet Sie und mich aus. Alles ist gut, so lange man als Verantwortungsträger nicht vergisst, dass es auch noch andere, durchaus valide Sichtweisen gibt. Oder halten Sie es lieber mit der alten Weisheit: „Der Chef hat immer recht, auch dann, wenn er sich mal irren sollte“?   

Sidney Yoshidas Studie

Sidney Yoshida2 präsentierte im Jahr 1989 anlässlich des International Quality Symposiums in Mexico City eine viel beachtete Studie, den Eisberg der Ignoranz. Demzufolge kennt die Belegschaft 100% der Probleme innerhalb der Organisation. 74% der Probleme sind den Teamleitern bekannt. Dem mittleren und gehobenen Management sind zirka 9% der Probleme präsent, während das Top-Management nur mit 4% der tatsächlichen Probleme vertraut ist.  

Yoshidas Thesen sind inzwischen relativiert worden. Anders als im Wasser lässt sich der Problem-Eisberg nämlich bequem auf den Kopf stellen: Demzufolge hat das Top-Management eine völlig andere, weitaus umfassendere Sicht. Von dieser Gesamtsicht sind weiter unten 74%, 9% bzw. 4% bekannt.  

Wie jetzt?

Egal, ob der Eisberg der Ignoranz aufrecht schwimmt oder auf dem Kopf steht, wichtig erscheint mir die Frage: Mit welcher „Optik“, aus welcher Perspektive sehe und bewerte ich Führungssituationen? Bin ich mir selbst gegenüber ausreichend kritisch, wenn es um die Interpretation von Fakten und Vorgängen geht? Oder setze ich von vorne herein voraus, dass meine Sicht der Dinge die Korrekte ist?  

Nochmals zurück zu Kameramann Andreas Lehmann: Er und ich, wir beide sind knappe 1,90m groß. Diese Höhe und die daraus sich ergebende Perspektive empfinden wir als völlig normal. – Normal ist diese Perspektive aber nur für eine kleine Minderheit von Menschen, denn die meisten sind kleiner als wir. Aufgrund ihrer geringeren Körpergröße stellt sich die Welt anders dar – und ist es auch.  

Frage: Wie wäre das, wenn Sie einmal bewusst mit einer anderen OptikBeleuchtung oder Perspektive hantieren?  

 [1] Deutsche Ausgabe: Steven R. Covey, Die 7 Wege zur Effektivität: Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg (GABAL Verlag, München 2005)

[2] Sydney Yoshida, Quality improvement and TQC management at Calsonic, Japan