Nicht zu verletzen

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Kennen Sie das? Man ist mit irgendeiner Sache beschäftigt und plötzlich schiebt sich ein Gedanke dazwischen. Und der lässt einen dann nicht mehr los. So ist’s mir dieser Tage ergangen. Ich trat gerade im Fitness Center in die Pedale und hörte dabei einem Interview zu, das Todd Atkins, Eric Geiger und Daniel Im mit der Australierin Christin Caine führten.  

Ich sollte vielleicht vorausschicken, dass Christin Caine eine sehr beeindruckende Frau ist. Unter anderem gründete und leitet sie Sie seit zehn Jahren mit ihrem Ehemann zwei internationale Bewegungen: “A21” bekämpft in 14 Ländern Menschenhandel und Sklaverei. “Propel Women” ist eine Organisation, die sich der Förderung von Frauen widmet.     

Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, äußerte Caine im besagten Interview etwas, was bei mir “klingelte”. Sie sprach davon, dass auf ihrem Schreibtisch zuhause ein Satz platziert ist, der sie täglich an etwas erinnern soll, das sie für sich praktizieren will:  

“Become unoffendable!” Zu Deutsch: “Werde unverletzbar” (im Sinne von immun gegen Kränkung).  

Christin Caine ist der Auffassung, dass Verletzbarkeit im Sinne von Anfälligkeit für Kränkungen bei Menschen mit Führungsverantwortung weit verbreitet ist und ein ernstes  Problem darstellt.  

Ich habe mich daraufhin gefragt, wie das bei mir ist. Bräuchte ich eine ähnliche Erinnerung auf meinem Schreibtisch?    

Beim Nachdenken fiel mir auf, dass ich das sehr wohl aus meinem Leben kenne (und Sie vielleicht auch aus Ihrem): Es gibt bestimmte Punkte, da bin ich höchst empfindlich. Da braucht es wenig, um mich nachhaltig aus der Bahn zu werfen. Bei mir ist es beispielsweise so, dass ich relativ leicht gekränkt regiere, wenn meine gutgemeinten Intentionen bzw. Anstrengungen nicht gewürdigt werden. Wenn ich mir Mühe gebe, aber anstelle von Dank oder wenigstens ein bisschen Anerkennung nur Kritik, Gleichgültigkeit oder – schlimmer noch – eine diffuse Unzufriedenheit mir entgegenschlägt.  

Christin Caine meint, dass diese Verletzlichkeit Gefahren in sich birgt, weil sie im Inneren wirkt. Unsichtbar und in aller Stille breiten sich Wurzeln der Bitterkeit aus. Ein Entzündungsherd entsteht, der langfristig negative Auswirkungen haben kann.  

Es ist doch so: Indem ich es mir leiste, mich immer wieder kränken zu lassen, gebe ich anderen Macht über mein Innerstes. Damit erlaube ich fremden Menschen, in meinem Leben Grenzen für meine persönliche Entwicklung aufzurichten. – Das geht gar nicht!  

Diese Verletzungen bzw. Kränkungen müssen angegangen werden. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Beispielsweise im vertraulichen Gespräch mit einem Coach oder Seelsorger , oder aber indem man sich ungestörte Freiräume schafft, in denen man das Thema bearbeitet. Hauptsache, es geschieht mit Nachdruck und Konsequenz. Andernfalls bringen Gespräche oder Grübeleien gar nichts.   

Ich bin davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit erfahrener Kränkung letztlich nur durch einen bewussten Akt der Vergebung erfolgreich sein kann. Ich denke nicht an ein schnelles „Schwamm drüber“ oder „lass’ mal gut sein“, sondern an eine ehrliche, vielleicht sogar schmerzhafte Aufarbeitung des Erlebten samt all dem, was es in einem selbst ausgelöst hat – Hassgedanken eingeschlossen.  

Ein Wort der Warnung: Das ist nichts, was man nebenher tun kann. Es wird Sie die Bereitschaft kosten, sich mit einer Sache zu beschäftigen, die vielleicht unangenehm ist. Aber ich finde, dass Sie es sich wert sein sollten. – Überlegen Sie doch einmal, wie sich das anfühlen und welche Konsequenzen es nach sich ziehen würde, wenn Kränkungen in Ihrem Leben künftig bedeutungslos würden. Sie könnten mit einer ganz anderen Souveränität leben und arbeiten.        

Frage: Wie gehen Sie mit Kränkungen und Verletzungen um?