Lieben oder geliebt werden

Foto: Yeexin Richelle / shutter stock

Ich habe soeben John Ortbergs neuestes Buch zur Seite gelegt. Noch ist es nicht in deutscher Sprache erschienen, aber ich gehe davon aus, dass das in Kürze passieren wird. Sie können sich freuen. Es ist ein lesenswertes Buch.

John Ortberg schreibt über die Beziehung zwischen Menschen, vor allem – aber nicht nur – spricht er Paare an. Der Titel seines Buchs verrät schon die Richtung, in die es geht. Es ist ein Wortspiel, illustriert mit dem Bild eines Hundes und einer Katze: “I’d like you more, if you were more like me.” – Ich würde dich mehr mögen, wenn du mir ähnlicher wärst.

Ein Satz aus diesem Buch hat mich nachdenklich gestimmt:  “When I aim at getting love, I will not receive. If I aim at giving love, receiving will be thrown in”, sagt John Ortberg. – Wenn ich darauf ziele, geliebt zu werden, werde ich nichts erhalten. Ziele ich aber darauf zu lieben, werde ich selbst Liebe empfangen.

Liebe hat ein eigentümliches Wesen. Im einen Fall vermehrt sie sich, im anderen Fall entzieht sie sich meinem Zugriff.

In einem Unternehmen mit dem Begriff Liebe zu hantieren, wirkt befremdlich. Von Liebe wird höchstens dann geredet, wenn jemand detailverliebt ist. Und selbst das ist ein ambivalentes Wort, zeigt es doch einerseits die Hingabe zur Exzellenz im Kleinen, aber auch eine unnötige, vielleicht sogar nervige und kostspielige Beschäftigung mit Detailaspekten.

Ersetzt man Liebe durch Begriffe wie Respekt, Anerkennung oder Achtung, wird klarer, worum es geht:  Wenn ich darauf ziele, geachtet zu werden, werde ich nichts erhalten. Ziele ich aber darauf, andere zu achten, werde ich selbst Achtung empfangen.

Es geht ums Geben. Das Erhalten folgt dann wie von selbst. Man könnte auch sagen: erst einmal investieren, dann empfangen. Bleibt die Frage, ob ich dazu bereit bin. Investitionen bringen nicht sofort Früchte. Die wachsen erst mit der Zeit. Wer will schon so lange warten?

Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: Mit bestimmten Leute komme ich gut zurecht. Wir schwingen auf der gleichen oder einer ähnlichen Wellenlänge, verstehen und vertrauen einander. Liebe im Sinne von wohlwollendem Verhalten, Anerkennung oder Respekt zollen fällt mir bei diesen Leuten nicht schwer. Im Gegenteil. Durch die gegenseitige Wertschätzung bauen wir einander auf. Deutlich herausfordernder sind hingegen jene, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie aus Prinzip immer quer im Stall stehen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst erst einmal “Liebe tanken” muss, bevor ich sie weitergeben kann … vor allem jenen, bei denen ich mich schwer tue.

Vielleicht fragen Sie sich, wie ich das mit dem Liebe tanken anstelle. Ehrlich gesagt, es ist eine meiner größten Herausforderungen, denn einen Menschen trotz seiner Widersprüche und Defizite anzunehmen, kostet mich Kraft.

Mir hilft dabei meine christliche Grundüberzeugung:

  1. Ich vergegenwärtige mir, dass ich nicht besser bin. Mein einziger Vorteil ist meine Ausgangslage, weil ich als einer auftreten kann, dem bereits vergeben worden ist. Das heißt aber auch, dass ich mir darüber bewusst werden muss, wo ich herkomme. Mir ist zuerst Liebe, Zuwendung, Anerkennung, Vergebung widerfahren.
  2. Als Christ kann ich es mir leisten, optimistisch zu sein. Jeder Mensch, der über diese Welt geht, ist zunächst einmal ein von Gott gewolltes und geliebtes Individuum. In dieser Eigenschaft sind er oder sie liebenswürdig, trotz aller Andersartigkeit, Verzerrung und menschlichen Schwierigkeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Aussage gemacht: Ziele ich darauf, andere zu achten, werde ich selbst Achtung empfangen.