Eine besondere Brücke

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Der Psychotherapeut Al Andrews spricht von einer besonderen Brücke, die Menschen in Führungsverantwortung zu bauen haben. Diese Brücke stellt eine Verbindung zwischen dem öffentlichen Ich und dem wahren Ich her. Hier die Realität, dort das öffentliche Image.

Warum ist diese Brücke wichtig? 

1. Sie befreit mich von der Last, meinem öffentlichen Bild ständig entsprechen zu müssen

Was anfangs hilfreich ist und deshalb sorgsam gehegt wird, ist das eigene Image. Zum Beispiel: Ich gebe mich als dynamischer, intelligenter Macher, dem nichts zu schwer ist oder als der umsichtige, erfahrene Verantwortungsträger, der sich bereitwillig jeder Herausforderung stellt. Ich kann mich aber auch mit der Aura des gebildeten, polyglotten Weltbürgers umgeben. – Sicher kennen Sie solche Leute: Die werfen mal gerne ein lateinisches oder englisches Fremdwort in die Runde und erfreuen sich still an dessen Wirkung.

Was ich anfangs bewusst projiziere, wird später von meinen Mitmenschen – wenn stimmig – als Image übernommen. Man ist mit einem Mal der erfolgreiche, immer gut drauf seiende Mensch – in den Augen der Betrachter.

So sehr dieses Image anfangs von Vorteil ist, so sehr wird es mit der Zeit zur Belastung. Die Last der öffentlichen Erwartung kann derart groß werden, dass man darunter zusammenbricht. Al Andrews weiß aus seiner Beratungspraxis, dass Menschen, die sehr oft im Rampenlicht stehen, besonders gefährdet sind. Interessanterweise zählen dazu vor allem Musiker, Politiker und Führungskräfte aus der Wirtschaft.

2. Sie macht mich demütig

Mit der Brücke zum wahren Ich erlaube ich meinem Gegenüber Zugang zu mir selbst. Meine Ecken und Kanten werden mit einem Mal sichtbar, ja, vielleicht sogar unangenehm spürbar. Weil ich nicht mehr auf einem “öffentlichen Podest” stehe, bin ich plötzlich kleiner als angenommen.

Hier ein Beispiel für eine solche Brücke. Der US-amerikanische 4 Sterne General Norman Schwartzkopf, der seinerzeit die Truppen im 1. Irakkrieg befehligte, gestand einmal in einem Interview: “Ich kann eine ganze Armee erfolgreich in einen Krieg führen. Aber wenn ich nach Hause zu meiner Frau und meiner Teenager-Tochter komme, weiß ich oft nicht, was ich tun soll.”  (I can lead a successful military campaign, but when I come home to my wife and teenage daughter, I often don’t know what to do).

Die Aufrichtigkeit dieser Aussage machte General Schwartzkopf zum Helden vieler Herzen. Er wurde als ein Mann wahrgenommen, der – höchster Auszeichnungen und Verdienste zum Trotz – nahbar war.

3. Sie ermöglicht tieferen Austausch

Tiefergehender Austausch ist in der Regel erst dann möglich, wenn der Zugang zum Herzen möglich ist. Das wiederum setzt voraus, dass ich eine Brücke zu meinem wahren Ich ermögliche.

Ohne diese verletzliche Offenheit bleibt meine Begegnung mit anderen Menschen oberflächlich und letztlich bedeutungslos.

Ich gestehe am meisten von jenen Menschen gelernt zu haben, die mir nicht nur Wissen beigebracht haben, sondern auch sich als Personen investiert haben, indem sie transparent lebten.

Muss ich meinem Gegenüber Tor und Tür öffnen?

Ich glaube nicht, dass das gemeint ist. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen dem strikt Privaten, zu dem allenfalls meine engsten Vertrauten Zugang haben, und dem ungeschminkten Ich, jenseits der öffentlichen Wahrnehmung. Allerdings muss jeder für sich überlegen, wo er die Grenze zieht.