Der Vergesslichkeit ein Schnippchen schlagen

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Das Problem

Kennen Sie folgendes Phänomen: Sie arbeiten an einer bestimmten Sache. Nach einer Weile gelingt es Ihnen, die Aufgabe abzuschließen. Würde man Sie wenig später bezüglich bestimmter Details fragen, wüssten Sie keine Antwort. Das Irritierende ist, dass Sie sich bei anderen Gelegenheiten sehr wohl an alles erinnern können.

Ich kann Sie beruhigen. Nein, Sie leiden weder an Vergesslichkeit, nicht an den Vorboten von Demenz und auch nicht an Überforderung. Hinter diesem Phänomen steckt der Zeigarnik-Effekt. Gewusst wie, können Sie sich diesen Effekt zunutze machen.

Die Entdeckung im Biergarten

Bluma Zeigarnik war Schülerin von Kurt Lewin, der vor seiner Immigration in die Vereinigten Staaten 1933 an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität lehrte. Im Biergarten beobachteten der Professor und die Studenten einen Kellner, der mit unglaublicher Präzision, ohne sich schriftliche Notizen zu machen, zielsicher Bestellungen entgegennahm und fehlerfrei abarbeitete. Nachdem man bei mehreren Gelegenheiten dieses Genie bei der Arbeit bestaunt hatte, beschloss man, mit einer List sein Geheimnis zu lüften: Der Kellner hatte wie üblich die Bestellungen entgegengenommen und korrekt geliefert. Einen Moment später bat man ihn nochmals zu Tisch. Vorher hatten alle Anwesenden ihr Getränk unterm Tisch versteckt. Der Kellner war nicht mehr in der Lage, die Bestellungen fehlerfrei zu wiederholen. Im Gegenteil, er machte mehrere Fehler.

Bluma Zeigarnik ging dem Phänomen nach und entdeckte zweierlei. Ich vereinfache hier ihre Erkenntnisse:

  1. Fühlen wir uns verpflichtet, können wir uns besser an Details erinnern, solange der sie betreffende Vorgang nicht abgeschlossen ist. Unsere Aufmerksamkeit verharrt bei dem, was wir erinnern wollen.
  2. Werden wir bei der Arbeit abgelenkt bzw. gestört, überkommt uns ein sehr beharrliches Unwohlsein. Dieses Gefühl drängt uns, den Vorgang abzuschließen, das offene Problem zu lösen bzw. das gesteckte Ziel doch noch zu erreichen. Haben wir es dann erreicht bzw. erledigt, verschwinden die damit verbundenen Details aus unserem Kurzzeitgedächtnis, ja, sogar weitgehend aus unserem Erinnerungsvermögen.

Wie Sie den Zeigarnik-Effekt nutzen können

Angenommen, Sie arbeiten an einem wichtigen Text. Aufgrund bestimmter Umstände können Sie den Text nicht fertigstellen. Sie müssen ein weiteres Mal ran. Vielleicht erst in ein paar Stunden oder morgen.

Die effektivste Art, nach einer längeren Pause schnellstmöglich wieder ins Thema zu finden, besteht darin, mit Ihrer Arbeit aufzuhören, bevor Sie einen Gedanken abgeschlossen haben. Halten sie beim Schreiben einfach an. Vergegenwärtigen Sie sich, was Sie bis dahin geschrieben haben, offenes Ende eingeschlossen.

Ein ähnliches Phänomen kennt man in der Musik. – Für die Musiker unter meinen Lesern: Halten Sie auf einem Dreiklang inne, der eine verminderte Terz und verminderte Quinte enthält. Dieser Akkord verlangt, ähnlich dem Dominantsept-Akkord, nach Auflösung. Das geschulte musikalische Ohr muss den Grundakkord hören, sonst bleibt eine Spannung im Raum.

Schließen Sie hingegen einen Gedanken ab, wird es Ihnen deutlich schwerer fallen, wieder ins Thema hineinzufinden. Warum? Weil Ihr Gehirn den Vorgang tatsächlich abgeschlossen hat und erst einmal in der Erinnerung suchen muss.

…aber Vorsicht!

Der Zeigarnik-Effekt funktioniert auch anders herum. In gleicher Weise werden Sie im Umgang mit Menschen feststellen, dass Beziehungen, die beispielsweise in einem ungelösten Konflikt abgebrochen wurden, bei der nächsten Begegnung sofort und in ihren zuletzt wahrgenommenen Facetten präsent sind. – Keine gute Nachricht!